Sonja Ferlov Mancoba, Maria Martins, Isabelle Waldberg – drei Bildhauerinnen, die heute vornehmlich regional bekannt sind, obgleich sie zu ihren Lebzeiten zu den bedeutenden Persönlichkeiten der Surrealismusbewegung gehörten. Sie waren mit den berühmten Protagonisten ihrer Zeit wie André Breton, Georges Bataille, Marcel Duchamp und Alberto Giacometti vernetzt, beteiligten sich an wichtigen Ausstellungen und erfuhren vielfach große Anerkennung. Doch heute müssen sie in die Kunstgeschichte neu eingeschrieben werden.
In der Ausstellung werden die Künstlerinnen zum ersten Mal gemeinsam präsentiert. Im Eingangsbereich sind ihre Arbeiten direkt miteinander in Beziehung gesetzt. In den folgenden Bereichen werden die OEuvres getrennt präsentiert, wobei die durch halbtransparente Vorhänge gegliederte Ausstellungsarchitektur Durchblicke ermöglicht und Verbindungen schafft.
Audioguide #1
| 1911 | Am 10. Mai als Margaretha Isabelle Maria Farner in Oberstammheim in der deutschen Schweiz geboren. |
| 1936 | Umzug von Zürich nach Paris, Freundschaft mit Alberto Giacometti. |
| 1938 | Waldberg bewegt sich im Kreis von George Batailles Geheimbund Acéphale, wo sie auch ihren späteren Ehemann Patrick Waldberg kennenlernt. |
| 1942–1945 | Exil in New York; Austausch mit vielen aus Europa emigrierten Intellektuellen; erste "Constructions / Konstruktionen" entstehen; Rückkehr nach Paris. |
| 1947 | Beteiligung an der Exposition internationale du surréalisme in der Galerie Maeght, Paris. |
| 1953 | Trennung von ihrem Mann; in den folgenden Jahrzehnten Teilnahme an zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland; Tätigkeit als Kuratorin und Autorin. |
| 1973 | Berufung als Professorin für Bildhauerei an die École des Beaux-Arts in Paris. |
| 1990 | Waldberg verstirbt am 12. April in Chartres. |
Isabelle Waldberg und Robert Lebel
Fünf Blätter mit Skizzen von Masken u. a. (ohne Titel):
1 a „Navajo“ und „Hopi demi masque“ / „Hopi Halbmaske“
1 b „Eskimo tortue“/ „Eskimo Schildkröte“ und „Hopi“
1 c „Eskimo front bleu“ / „Eskimo Blaustirn“ und „Eskimo grandes oreilles“ / „Eskimo große Ohren“
1 d „Trône“ [africain] / [Afrikanischer] „Thron“ 1 e „Nouvelle Bretagne“ / „Neuengland“ und „Masque mexicain albâtre“ / „Mexikanische Maske Alabaster“,
um 1942–1944
Buntstift auf Papier
Estate of Isabelle Waldberg
Im Sommer 1942 reist Isabelle Waldberg nach New York, wo sie bis 1945 im Exil lebt. Hier findet sie ein großes Netzwerk befreundeter Intellektueller vor. Mit ihren Nachbarn Robert und Nina Lebel reist Waldberg durch Neuengland, wo sie in den Museen Skizzen von Artefakten aus indigenen Kulturen anfertigt. Wie viele Künstler:innen aus ihrem Umkreis ist sie fasziniert von diesen Objekten und beginnt eine eigene Sammlung anzulegen. Die Zeugnisse anderer Kulturen bleiben zeitlebens eine wichtige Inspiration für die Bildhauerin.
Audioguide #3
2 Construction / Konstruktion, um 1945
Buchenholzstäbe, weiße Farbe, Holz
Collection Sabine Meiche
3 Le dernier rôdeur / Der letzte Herumtreiber, 1945
Buchenholzstäbe, Schnur, Klebstoff
Collection Mahoudeau
Auf ihren Reisen durch Neuengland sieht Waldberg Seekarten aus verknoteten Buchenstäben von den Marschallinseln, einer Inselgruppe im westlichen Pazifik zwischen Hawaii und Australien. Sie zeigten der indigenen Bevölkerung befahrbare Passagen und gefährliche Strömungen an. Für Waldberg werden diese Objekte zu einer wichtigen Inspiration für ihre fragilen Constructions. Mehr als 40 Exemplare entstehen innerhalb weniger Jahre. Für die Constructions werden Buchenstäbe im feuchten Zustand gebogen und durch dünne Schnüre und Kleber verbunden. Heute, ganz durchgetrocknet, tragen diese Konstruktionen so viel Spannung in sich, dass sie jederzeit zu brechen bereit scheinen.
Audioguide #4
4 Construction murale / Wandkonstruktion, 1948
Eisen, bemalt
Estate of Isabelle Waldberg
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kehrt Waldberg mit ihrem Sohn Michel nach Paris zurück, während ihr Ehemann noch eine Zeit lang in den USA bleibt. Mehrfach schreibt sie ihm dorthin, er möge doch Buchenzweige für ihre Constructions mit nach Frankreich bringen. Zugleich beginnt sie jedoch, ihre Konstruktionen auch aus Eisenstäben zu kreieren.
Nachdem Waldberg bereits in New York an wichtigen Ausstellungen zeitgenössischer Kunst teilgenommen hat, beteiligt sie sich im Jahr 1947 – ebenso wie Maria Martins – an der bedeutenden Surrealismusausstellung Exposition internationale du surréalisme in der Galerie Maeght, Paris.
5 Construction / Konstruktion, 1943–1948 Eisen und Holz Estate of Isabelle Waldberg
6 Suivi de ... / Gefolgt von ..., 1958 Bronze Fonds de dotation Jean-Jacques Lebel
In den 1950er-Jahren wandelt sich Waldbergs Formensprache. Die nun entstehenden Bronzeplastiken wecken zum Teil Assoziationen an Figürliches. So erinnert Suivi de … an eine schreitende Figur. Die grazile Form knüpft noch eher an Waldbergs Arbeiten der vorangegangenen Jahre an. Ihre Werke werden von nun an voluminöser und kraftvoller.
7 La poseuse / Posierende, 1958 Bronze, bemalt Estate of Isabelle Waldberg
8 Agarien 1er / Agarier 1, 1958 Bronze Estate of Isabelle Waldberg
Audioguide #5
9 Le carcan / Das Joch, um 1960 Bronze
Estate of Isabelle Waldberg
Die massiven Skulpturen Waldbergs ab den 1960er-Jahren sind nicht gefällig. Die Bildhauerin schreibt dazu 1988: „Man hat mich oft gefragt, warum ich nicht etwas Schönes mache. Zunächst einmal will ich nicht tun, was man mich fragt. Zweitens weiß ich nicht, was schön ist. Ist es etwas Angenehmes, etwas Rundes, etwas Poliertes, etwas, das glänzt? Schön vielleicht, aber für wen?“
10 L’étude pour l’écritoire / Studie für ein Schreibpult, 1962
Ed. 3, Bronze
Fonds de dotation Jean-Jacques Lebel
11 Nu penché / Liegender Akt (auch: La druse / Die Druse II), 1962
Gips, patiniert
Estate of Isabelle Waldberg
12 Le palais rose / Der rosa Palast, 1963
Gips, patiniert
Collection Mahoudeau
13 La vague / Die Welle, 1964
Gips, patiniert
Collection Soizic Audouard
14 Skulptur (ohne Titel), um 1965
Gips, bemalt
Estate of Isabelle Waldberg
15 Sculpture pour / Skulptur für Michel, 1965
Bronze, bemalt
Estate of Isabelle Waldberg
16 Glyptothèque / Glyptothek, um 1967
Bronze
Estate of Isabelle Waldberg
Waldbergs Arbeiten beschäftigen sich mit elementaren anthropologischen Themen und sind voller Anspielungen auf Geschichte und Literatur. Eine Reihe von gehäuseartigen Skulpturen wie Glyptothèque befassen sich mit dem Gegensatz von Volumen und Leere. Sie wirken einerseits archaisch, besitzen aber zugleich überzeitlichen Charakter.
Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen, zählt Waldberg im Paris der Nachkriegszeit zu den wichtigsten Intellektuellen, sowohl durch ihre Kunst als auch durch ihre publizistische Tätigkeit.
Audioguide #7
17 Portrait de / Porträt von Michel Fardoulis-Lagrange, 1967
Bronze
Fonds de dotation Jean-Jacques Lebel
18 Portrait de / Porträt von Robert Lebel, 1967
Bronze
Estate of Isabelle Waldberg
19 Animal / Tier, 1968
Kork, Holz, Gips, patiniert, Acrylglas
Estate of Isabelle Waldberg
20 Skulptur (ohne Titel), 1969
Bronze
Collection Mahoudeau
21 Ohne Titel, 1969
Stahlpunktätzung auf Aluminium auf Acrylglas
Estate of Isabelle Waldberg
1969 fertigt Waldberg die Illustration für das Buchcover von G. B., ou un ami présomptueux – eine Hommage an Georges Bataille, verfasst von Waldbergs Freund Michel Fardoulis-Lagrange. Die Umrisszeichnung zeigt den Blick auf die gespreizten Beine einer Frau, ebenso wie die hier ausgestellte Stahlpunktätzung, die als limitierte Beigabe zu dem Buch ausgegeben wurde.
Waldberg kennt Bataille bereits seit der Vorkriegszeit. Sie gehört zu seinem Künstlerkreis Acéphale, wo sie auch ihren späteren Ehemann Patrick Waldberg kennenlernt. Fardoulis-Lagrange gehört ebenfalls der Gruppe an.
22 Atelier Rue Larrey, um 1970
Gouache auf Papier
Estate of Isabelle Waldberg
23 Drei Zeichnungen (ohne Titel), um 1970
Bleistift, Tinte und Gouache auf Papier
Estate of Isabelle Waldberg
24 Skizzenbuch, um 1970
19 Gouachen auf Papier
Estate of Isabelle Waldberg
25 Notizbuch, um 1970
15 Gouachen auf Papier
Estate of Isabelle Waldberg
26 Le couple ou Orant / Das Paar oder Betender, 1970
Bronze
Estate of Isabelle Waldberg
27 Agarien IV / Agarier IV, 1970
Bronze
Estate of Isabelle Waldberg
28 La face visible / Das sichtbare Gesicht, 1972
Bronze
Musée d’art moderne de la Ville de Paris,
Inv. AMVP 2854
Seit den 1950er-Jahren schafft Waldberg sowohl naturnahe Porträts ihrer Freund:innen als auch abstrakte Bildnisse wie La face visible. Der ausdrucksstarke Kopf ist ein Beispiel für eines ihrer „innerlichen Porträts“, hier ihres langjährigen Weggefährten Robert Lebel. Das aufgerissene Auge ist zugleich „gefräßig“ auf die Außenwelt gerichtet und Einfallstor für Verletzungen. Das zweite Auge und der Mund sind durch Schilder verdeckt.
Die Lebensphase der Künstlerin, in der dieses Werk entsteht, ist von öffentlicher Anerkennung geprägt: Waldberg hat zahlreiche Einzel- und Gruppenausstellungen, sie erhält Preise und Ehrungen. 1973 wird Waldberg als erste Professorin für Bildhauerei an die École des Beaux-Arts in Paris berufen. Hier baut sie noch einmal ein neues Netzwerk mit den jungen Studierenden der Akademie auf.
29 L’oiseau pilote / Der Leitvogel, 1973
Bronze
Estate of Isabelle Waldberg
30 Delescluze descend vers le Château d’Eau / Delescluze steigt zum Château d’Eau hinab, 1973
Bronze
Collection Mahoudeau
31 Mona-Lisa, 1974
Gips
Estate of Isabelle Waldberg
32 La nature morte / Stillleben, 1974
Bronze
Collection Samsovici – Gauthier
33 Portrait de Marcel Duchamp posé sur un échiquier avec deux pions et deux sculptures / Bildnis Marcel Duchamp auf einem Schachbrett mit zwei Bauern und zwei Skulpturen, 1958–1978
Kopf: 1958, Bronze, patiniert; zwei Skulpturen: 1960er-Jahre, Bronze; Negativträger aus Eisen von Man Ray; zwei Schachfiguren; historisches chinesisches Schachbrett
Kunstmuseum Bern, Inv. Pl 81.008
1958 fertigt Waldberg das Bildnis von Marcel Duchamp, der bereits seit der Vorkriegszeit ein enger Vertrauter der Künstlerin ist. Einer der drei Bronzegüsse findet viele Jahre später in diesem ungewöhnlichen posthumen Porträt Verwendung: schräg auf einem alten chinesischen Schachbrett liegend, ergänzt um zwei Bauern und zwei Bronzeskulpturen Waldbergs sowie einen Eisenträger zum Trocknen von Negativen aus dem Besitz von Man Ray. Duchamp ist leidenschaftlicher Schachspieler gewesen und hat an insgesamt vier Schacholympiaden teilgenommen. Erst nach seinem Tod arrangiert Waldberg die einzelnen Objekte zu einer Hommage an den bedeutenden Künstler.
Audioguide #6
34 Mausolée / Mausoleum, 1978
Bronze
Centre national des arts plastiques (France),
Inv. FNAC 10079
35 Lugdus, 1978
Bronze
Centre national des arts plastiques (France),
Inv. FNAC 10292
36 Le casque / Der Helm, 1978
Gips, patiniert
Estate of Isabelle Waldberg
37 Cavalier zen / Zen-Reiter, 1979
Bronze patiniert
Collection Sabine Meiche
38 La draisienne / Die Draisine, 1980
Bronze
Estate of Isabelle Waldberg
39 La meute / Die Meute, 1980
Bronze
Centre national des arts plastiques (France),
Inv. FNAC 10225
40 Two in One / Zwei in einem, 1984
Bronze, patiniert
Fonds de dotation Jean-Jacques Lebel
41 Le radeau de la Méduse / Das Floß der Medusa, 1985
Künstlerbuch
Collection Sabine Meiche
Bereits seit der Vorkriegszeit ist Waldberg auch als Autorin tätig. 1985 erscheint ihre künstlerische Bildanalyse von Théodore Géricaults Das Floß der Medusa (1819, Musée du Louvre, Paris) in einer Auflage von 100 Exemplaren. Das abstrakte Relief ist in Papier geprägt. Es spiegelt die Komposition und die Dynamik des Gemäldes wider.
| 1911 | Am 12. April als Sonja Ida Ferlov in Kopen-hagen geboren. |
| Ab 1931 | Studium an der Kunstgewerbeschule und anschließend an Det Kongelige Akademi in Kopenhagen. |
| 1936 | Umzug nach Paris und Studium an der dortigen École des Beaux-Arts; Bekanntschaft mit Alberto Giacometti. |
| 1940–1945 | Mancoba verbringt die Kriegsjahre in Paris, während ihr Partner und ab 1942 Ehemann Ernest Mancoba, ein aus Südafrika stammender Künstler, in einem Lager interniert ist. |
| 1947 | Umzug von Sonja und Ernest Mancoba mit ihrem Sohn nach Dänemark; enger Kontakt zur Künstlergruppe „CoBrA". |
| 1952 | Familie Mancoba verlässt Dänemark und kehrt nach Frankreich zurück; für etwa zehn Jahre entstehen keine Skulpturen der Künstlerin. |
| Ab 1962 | Die erste Gipsskulptur Mancobas wird in Bronze gegossen, es folgen zahlreiche Ausstellungen und Ehrungen. |
| 1984 | Mancoba verstirbt am 17. Dezember in Paris. |
42 Levende grene / Lebende Zweige, 1935
Holz
Museum Jorn, Silkeborg, Inv. 2008/0074
Den Sommer 1935 verbringt Mancoba mit dänischen Künstlerfreund:innen, die sie während ihres Kunststudiums kennengelernt hat, auf der Insel Bornholm. Dort experimentiert sie mit vorgefundenen Naturmaterialien. Bereits in der frühesten bekannten Skulptur der Künstlerin zeigt sich ihr Witz und das Spiel von abstrakter und figurativer Formensprache, die ihr Schaffen prägen.
Audioguide #8
43 To levende væsener / Zwei lebende Wesen, 1935
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
44 Fugl med unge / Vogel mit Jungem, 1935
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
Themen wie Nähe und Distanz, Vertrautheit und Gemeinschaft ziehen sich durch das Œuvre Mancobas. In diesem frühen Beispiel, dessen Modell in Ton ebenfalls auf Bornholm entsteht, zeigt sie in einer ungewöhnlichen Dichte und Klarheit die Verbindung eines Vogels zu seinem Jungen. Die Erhaltung dieser Arbeit ist Mancobas Freundin Lisbeth Hjorth zu verdanken, die einen Gipsabguss von der Tonfigur anfertigte.
45 Fugl med unge / Vogel mit Jungem, 1935
Gips
Estate Ferlov Mancoba
46 Skulptur (ohne Titel), 1938/39
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
47 Maskeskulptur / Maskenskulptur, 1939
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
48 Skulptur (ohne Titel, auch: Længsel / Sehnsucht), 1939
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
49 Maske (Krigens udbrud) / Mask (Outbreak of War), 1939
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
50 Maske (Krigens udbrud / Ausbruch des Krieges), 1939
Gips
Estate Ferlov Mancoba
Im stummen Schrei verharrend ist diese Skulptur Mancobas Antwort auf den Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Die Anklänge an außereuropäische Masken und antike Vorbilder sind augenscheinlich – bereits in ihrer Kindheit hat sie in Kopenhagen die Sammlung afrikanischer Kunst von Carl und Amalie Kjersmeier kennengelernt. Mit ihrem späteren Ehemann Ernest Mancoba besucht sie ab 1939 häufig das Pariser Musée de l’Homme und setzt sich mit indigenen Kulturen auseinander. Und doch zeigt sich in Maske (Krigens udbrud) bereits Mancobas eigene Bildsprache in einer Komprimiertheit der Form und einer nahezu überzeitlichen Ausdruckskraft.
51 Skulptur (ohne Titel, auch: Skulptur 1940–1946), 1940–1946
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
Von 1940 bis Kriegsende wird Sonja Ferlov Mancobas späterer Ehemann Ernest im Internierungslager La Grande Caserne in Saint-Denis festgehalten. Im Laufe von sechs Jahren, die Mancoba in größter Armut in Paris erlebt, schafft sie diese eindrückliche Skulptur. In der Verdichtung der Form zeigt sich auch die innere Spannung der Künstlerin in der Zeit des Krieges. Das Werk wirkt statisch, abstrakt und – durch die Augen- öffnung – zugleich organisch. Es zählt zu den bedeutendsten Arbeiten Mancobas.
Audioguide #9
52 Maskeskulptur (Lille maske) / Maskenskulptur (Kleine Maske), 1948
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
53 Skulptur (ohne Titel, auch: Striving Towards the Light / Streben nach dem Licht), 1949
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
54 Den lille nænsomme / Die kleine Sanftmütige, 1951
Gips
Museum Jorn, Silkeborg, Inv. 1994/0023
Audioguide #10
55 Den lille nænsomme / Die kleine Sanftmütige, 1951
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
Nach dem Umzug nach Dänemark und der Geburt des Sohnes Wonga erprobt Mancoba neue Techniken. Erneut auf Bornholm arbeitet sie zum ersten Mal mit kleinen Tonstücken, die sie auf der Form zusammendrückt. Die Oberfläche wirkt dadurch weicher und organischer. Für die Künstlerin selbst ist es „eine kleine, gedrungene Figur mit einem Auge“. Diese Augenform entwickelt sie aus Skulptur 1940–1946 weiter, die neue Oberflächenbehandlung hat sie bereits vor dem Krieg im Pariser Atelier ihres Nachbarn Alberto Giacometti kennengelernt.
56 Skulptur (ohne Titel), 1951
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
57 Skulptur (ohne Titel), 1958
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
58 Mand / Mann, um 1959
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
59 Daggry / Tagesanbruch, 1959
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
60–63 Vier Gemälde (ohne Titel), 1960er-Jahre
Öl auf Leinwand
Estate Ferlov Mancoba
64 Ohne Titel, 1960er-Jahre
Tinte und Ölpastell auf Papier
Estate Ferlov Mancoba
65 Ohne Titel, 1960er-Jahre
Collage
Estate Ferlov Mancoba
Während Mancoba zu Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn Zeichnungen und Collagen eher als begleitende Studien ihrer bildhauerischen Arbeit angefertigt hat, werden die grafischen Werke ab den 1960er-Jahren zu eigenständigen Ausdrucksmitteln ihrer Kunst. Sie experimentiert mit Stoffen, Farben und Überlagerungen.
66 Le combattant / Der Krieger, 1961
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
Da die Familie Mancoba, aufgrund der Hautfarbe von Ernest und Wonga, in Dänemark einem ständigen alltäglichen Rassismus ausgesetzt ist, beschließt sie 1951, nach Frankreich zurückzugehen und sich in dem Dorf Oigny-en-Valois niederzu- lassen. Für fast ein Jahrzehnt sind keine Skulpturen Mancobas überliefert. Mit Le combattant knüpft sie an ihre großformatigen Skulpturen an. Ihre Bildsprache ist nun figurativer und der Krieger als solcher deutlich erkennbar.
Audioguide #11
67 Stående mand / Stehender Mann, um 1962
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
68 Stille vækst (auch: Croissance silencieuse / Leises Wachstum), 1962
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
69 Effort commun / Gemeinschaftliche Anstrengung, 1963/64
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
In den 1960er-Jahren werden die Arbeiten Mancobas gesellschaftskritischer. Wichtige Themen sind Solidarität und gemeinschaftliches Mit- einander. Zwischen ungegenständlich und figurativ zeigt sich eines ihrer Hauptwerke aus dieser Zeit. Zwei Figuren sind in einer Art Umarmung vereint, stützen sich gegenseitig und lassen ihrem Gegenüber dennoch Freiraum.
Audioguide #2
70 Ohne Titel, 1964
Aquarell, Papier, gerissen und collagiert, auf Wellpappe
SMK Statens Museum for Kunst Kopenhagen,
The Royal Collection of Graphic Art, Inv. KKS1976-243
Mancoba beschäftigt sich auch in ihrem grafischen Werk mit figurativen und abstrakten Elementen, die zu Tierfiguren und Pflanzenwelten verschmelzen. Jedoch sind es auch hier die überweltlichen Masken, die sie besonders interessieren und die sie in unterschiedlichen Darstellungen erkundet.
71 Maske, um 1965
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
Bereits als Kind begegnet Mancoba außereuro- päischer Kunst und wird mit afrikanischer Kunst und Kultur bekannt. Nach dem Studium vertieft sie sich immer mehr in dieses Thema und bringt es auch ihren Künstlerkolleg:innen nahe. Gerade in ihrem Spätwerk sind es die Zeiten und Grenzen überdauernden Masken, die sie in ihrem Schaffen immer wieder neu auslotet.
72 Solidarité / Solidarität (Hommage à Elise Johansen), 1966
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
„Was wirklich zählt, sind nicht die Skulpturen, sondern der Geist der Gemeinschaft, den man auszudrücken versucht. Ich würde sagen, dass die Dinge selbst nur ein Mittler sind zu dem, wonach man sucht. Der Wert der Werke liegt darin, dass sie einen direkten Bezug zum Leben haben, uns helfen, klarer zu sehen, uns Mut machen und einen Weg weisen, das Leben zu bewältigen. Aber die Werke sind nicht das Leben. Sie sind ein Spiegelbild des Lebens.“
Sonja Ferlov Mancoba, 1970
73 Élan vers l’avenir / Elan für das Kommende, 1966
Gips
Estate Ferlov Mancoba
74 Krigeren / Krieger, 1968
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
75 A l’écoute du silence / Der Stille lauschen (Hommage à Steingrim Laursen), 1969
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
76 Skulptur (ohne Titel), um 1970
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
77 Skulptur (ohne Titel), um 1970
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
78 Maske og ribben / Maske und Rippen, 1970
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
79 Mask / Maske, 1970
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
80 Vogtere af vor arv / Hüter unseres Erbes, 1973
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
81 Vogtere af vor arv / Hüter unseres Erbes, 1973
Gips
Estate Ferlov Mancoba
82 Skulptur (ohne Titel), um 1975
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
83 Maske (auch: Tisch-Maske oder Geburt der Maske), 1965–1975
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
84 Lille sol / Kleine Sonne, 1977–1978
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
85 De fire kontinenter / Die vier Kontinente, 1978
Gips
Museum Jorn, Silkeborg, Inv. 1996/0024
86 Maske og figur / Maske und Figur, 1977–1984
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
„Ich spiele mit dem Gedanken, eine Sache mit Masken aus allen Zeiten und von allen Orten zu machen und mich mit Masken als menschlichen Ausdrucksformen zu befassen. D. h. die Masken Ozeaniens und Afrikas usw. den Masken des Mittelalters, den Panzermasken der Renaissance in Europa und was man sonst noch so findet, Helmen mit einem Reichtum an Ausdruck, gegenüberzustellen.“
Sonja Ferlov Mancoba, 1968
Audiogude #12
87 Ohne Titel (Maske med hornøjne / Maske mit Hornaugen), 1983/84
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
88 Ohne Titel (Maske med hornøjne / Maske mit Hornaugen), 1983/84
Gips
Estate Ferlov Mancoba
89 Stor Hjelm / Großer Helm, um 1984
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
90 Squelette de l’esprit / Skelett des Geistes, 1984
Bronze
Estate Ferlov Mancoba
| 1894 | Am 7. August als Maria de Lourdes Faria Alves in Campanha, Brasilien, geboren. |
| 1924 | Umzug nach Paris. |
| 1926 | Heirat mit dem brasilianischen Diplomaten Carlos Martins. |
| 1934/35 | Umzüge nach Tokio und Brüssel, Privatunterricht in Bildhauerei. |
| Ab 1939 | Umzug nach Washington D. C.; Martins verkehrt in den Kreisen der aus Europa emigrierten Künstler:innen; Teilnahme an Gruppen- und Einzelausstellungen. |
| 1947 | Martins ist in der „Exposition internationale du surréalisme“ in der Galerie Maeght, Paris, vertreten. |
| Ab 1949 | Umzug nach Rio de Janeiro; Mitwirkung an der Konzeption und Organisation der ersten Biennale von São Paulo, ebenso an der Gründung des Museu de Arte Moderna do Rio de Janeiro. |
| 1956 | Martins widmet sich vermehrt ihrer publizistischen Tätigkeit. |
| 1973 | Martins verstirbt am 27. März in Rio de Janeiro. |
91 O guerreiro / Der Krieger, 1940
Eisen
Collection Carlos Ricardo Martins Ceglia
Thematisch an die afro-brasilianischen Mythen anknüpfend, die ihr späteres Werk stark prägen, sticht insbesondere die Materialität von O guerreiro heraus. Maria Martins hat keine klassische künstlerische Ausbildung absolviert. In Paris nimmt sie Unterricht bei der ukrainischen Künstlerin Catherine Barjansky, erlernt das Arbeiten mit Holz und Terrakotta maßgeblich durch den belgischen Bildhauer Oscar Jespers und das Bronzegussverfahren bei dem litauischen Bildhauer Jacques Lipchitz in New York – jedoch erst ab 1941. Die ein Jahr zuvor geschaffene Eisenarbeit O guerreiro zeugt von dieser neuen Tendenz Martins’, Metall als künstlerisches Medium zu nutzen. Mit der gehämmerten Form, den Schweißnähten und vereinzelten Eisennägeln ist O guerreiro noch experimentell in seiner Umsetzung.
92 Studie für Uirapirú, 1940er-Jahre
Tinte auf Papier
Private collection, Fortaleza, Brazil
Der Uirapuru ist ein brasilianischer Vogel und die zentrale Figur eines Mythos aus dem Amazonasgebiet: der Geschichte eines Mannes, der sich in einen Vogel verwandelt, um bei der Frau zu sein, die er liebt. Es heißt, der Uirapuru verzaubere durch seinen Klang und nicht durch sein Aussehen. In Martins’ Studie für eine Skulptur – von ihr leicht abgewandelt Uirapirú genannt – scheint ein anthropomorpher Körper im Wind zu flattern, als tanze er im Rhythmus eines Gesangs. In ihrer Interpretation des Mythos jedoch wird der Uirapirú zum Dämon – einem Wesen, das betört und tötet. Die Künstlerin selbst schreibt hierzu: „Er singt und lullt einen in den Schlaf, um schneller zu töten. Er tötet immer.“ Die aus der Studie entstandene Skulptur sorgte mit ihrer Interpretation in surrealistischen Kreisen und darüber hinaus für Aufregung – vielleicht ist dies der Grund, weshalb das Museum of Modern Art in New York 1944 ihren Ankauf ablehnte.
93 Le guerrier / Der Krieger, um 1943
Bronze
Musée des Beaux-Arts, Rouen, Inv. MBA.2021.12.1
94 Amazonia by Maria, mit Texten von Maria Martins und Jorge Zarur, Ausst.-Kat. Valentine Gallery, New York, 1943
Collection Francis M. Naumann and Marie T. Keller, Yorktown Heights, New York
95 Glèbe-ailes / Erd-Schwingen, 1944
Bronze
Private collection, Fortaleza, Brazil
In Glèbe-ailes verbindet Martins ihre brasilianische Herkunft mit der modernen westlichen Bildhauerei und indigener Mythologie. Die Bronzeskulptur zeigt das Wechselspiel von Natur und Kultur: Eine amorphe Gestalt mit menschlichem Kopf, engelsgleichen Flügeln, stierartigen Beinen und Adlerklauen oszilliert zwischen Mensch, Tier und Fabelwesen. Gleichzeitig spiegelt das Werk Martins’ experimentellen Umgang mit Gussformen und Strukturen wider – ein Stil, der ihre organisch- abstrakten Hybride prägt. Der Titel, der im Deutschen Erd-Schwingen bedeutet, verweist auf ihre zentralen Motive von Wandel und Übergängen: vom Weltlichen ins Mythische, vom Irdischen ins Himmlische, vom Physischen ins Psychische.
Audioguide #14
96 Ma chanson / Mein Lied, 1944
Bronze
Wadsworth Atheneum Museum of Art, Hartford, CT,
Inv. 1944.133
In Martins’ neuer Werkphase bleiben zentrale Themen – afro-brasilianische Mythen, religiöse Figuren, Geschlechterprinzipien und Sexualität – erhalten, werden aber durch eine modernere, abstraktere Formensprache erweitert. Dies zeigt sich in Ma chanson: Die grafisch anmutende Figur mit stilisiertem Frauenkopf ruht auf einem Bronzesockel, der an einen Dornenbusch erinnert. Die Stränge symbolisieren Nähe und Distanz, Anziehung und Abstoßung. Charakteristisch für Martins ist die raue, unversiegelte Materialität der Skulptur, beeinflusst durch ihr Studium japanischer Keramiktechniken zehn Jahre zuvor. Sie kreiert Ma chanson in mehreren Varianten, darunter eine Goldbrosche aus ihrer Schmuckkollektion – ein Bindeglied zwischen ihrer Kunst und der Rolle als Diplomatengattin sowie ein Mittel, ein breiteres Publikum zu erreichen.
Audioguide #13
97 Maria 1946, 1946
Portfolio mit neun Radierungen (davon vier mit Aquatinta und Kupferstich, eine mit Kaltnadel), einem Kupferstich und einer ergänzenden Folge von 19 Lichtdrucken von Skulpturen Collection Carlos Ricardo Martins Ceglia
„Ich weiß, dass meine Göttinnen, und ich weiß, dass meine Ungeheuer dir immer als sinnlich und barbarisch erscheinen. Ich weiß, dass du gerne in meinen Händen die Herrschaft sehen würdest, das unabänderliche Maß der ewigen Ligen.“ Dieser Auszug aus Maria Martins’ Explanation ist Teil ihres Portfolios Maria 1946, das sie 1946 zur Einzelausstellung in der Valentine Gallery in New York veröffentlicht. Darin reflektiert sie über ihre Herkunft und schöpferische Kraft – verkörpert durch Göttinnen und Ungeheuer, die je nach kulturellem Kontext unterschiedlich wahrgenommen werden. Martins erkennt diese Unterschiede an, weigert sich jedoch, sich fremden Maßstäben zu beugen: Ihre Kunst bleibt frei. Die weiteren Blätter versammeln zentrale Werke ihres skulpturalen Schaffens, darunter eine Radierung von The Impossible und Comme une liane. Letztere verweist auf ihren künstlerischen Austausch und ihre Liebesbeziehung mit Marcel Duchamp. 1946 schenkt er ihr als Antwort darauf Paysage fautif sowie eine Version von The Green Box – in ihr ist eine Zeichnung eines Herzens enthalten mit der Aufschrift: „Please Do Not Throw This on Floor“ – „Bitte wirf das hier nicht auf den Boden“.
Audioguide #16
98 The Impossible / Das Unmögliche, nach 1946
Bronze
Itaú Bank Collection
The Impossible zählt zu Martins’ bekanntesten Werken. Entstanden in ihrer kreativen Hochphase in New York, verbindet die Skulptur brasilianische Mythologie und Populärkultur mit der Ästhetik der westlichen Moderne. Sie zeigt zwei Körper, die sich scheinbar umarmen wollen, doch ihre Verbindung bleibt spannungsgeladen. Statt eines Kopfes ragen Reißzahnähnliche Tentakel aus konkaven Formen aufeinander zu. Martins thematisiert hier das Spannungsfeld dualer Beziehungen – Liebe und Tod, Begehren und Zerstörung. Dieses Motiv zieht sich durch ihr Werk, etwa in Hasard hagard und Ma chanson. Auch die Entwicklung von The Impossible spiegelt diese Dynamik wider: Zwischen 1944 und 1949 gestaltet Martins mindestens drei Versionen der Skulptur, stets experimentierend mit der Darstellung der aufragenden Körper.
Audioguide #17
99 Sûr doute / Sicherer Zweifel, 1947
Bronze
Collection Flavio-Shiró, Paris
100 Prometheus ou: Brûlant de ce qu‘il brûle / Prometheus oder: Brennend an dem, was er verbrennt, 1948
Bronze
Private collection, Fortaleza, Brazil
In dieser Skulptur greift Martins die tragische Geschichte des Prometheus aus der griechischen Mythologie auf: Nachdem der Titan den Menschen verbotenerweise das Feuer gebracht hat, wird er von Zeus bestraft, an einen Berg gefesselt und von einem Adler gequält, der täglich von seiner sich erneuernden Leber frisst. Martins’ Bronzeskulptur zeigt eine aufrecht stehende, schmale Figur mit übergroßen Händen, deren lange Finger mit den hinter ihr lodernden Flammen verschmelzen. Das Feuer erinnert zugleich an Äste und Lianen und verweist auf den Amazonaswald – ein wiederkehrendes Motiv in Martins’ Werk. Lianen, die eine invasive Pflanzenart sind, aber essenziell für die Biodiversität der Tropen, sind für die Künstlerin ein Symbol natürlicher Ambivalenz. Diese fragile Balance überträgt sie auf ihre künstlerische Auseinandersetzung mit der Welt.
Audioguide #15
101 Fatalité femme / Die Frau als Schicksal, 1948
Bronze
Private collection, São Paulo, Brazil
102 Brouillard noir / Schwarzer Nebel, 1949
Bronze
Privatsammlung
Die Skulptur Brouillard noir erinnert an ein Skelett – das Gerüst, das den Körper zusammenhält. Mit ihrer Reduktion auf knochenähnliche Strukturen löst sich Martins vom Organischen, betont aber zugleich das Fundament des Körperlichen. Das Werk entsteht 1949, in einer Phase, in der Martins nach Rio de Janeiro zurückkehrt. Dort nimmt sie eine prägende Rolle in der Kunstszene ein, beteiligt sich an der Gründung des Museu de Arte Moderna und unterstützt die Biennale von São Paulo. Brouillard noir, das dem Versuch gleicht, ihrem von Wandel geprägten Leben Halt zu geben, erscheint dabei wie ein ironischer Verweis auf die Vergänglichkeit: Am Ende aller Metamorphosen bleiben nur die dem Körper zugrundeliegenden Knochen übrig.
103 O Canto do mar / Das Lied des Meeres, 1952
Bronze, poliert
Collection Carlos Ricardo Martins Ceglia
Die Skulptur O canto do Mar scheint mit ihren weich fließenden, goldglänzenden Formen die Nicht- Fassbarkeit von Klang – etwa dem sanften Rauschen des Meeres – eine Gestalt zu geben. Nach ihrer Rückkehr nach Brasilien steht sie einer neuen Künstlergeneration gegenüber: die Grupo Ruptura und die Grupo Frente prägen die abstrakte Kunst, doch Martins’ figurative Formensprache findet darin keinen Platz. In O canto do Mar spiegelt sich dieses Spannungsfeld wider: Die Skulptur bleibt ihrer Ästhetik und der Auseinandersetzung mit dem weiblichen Geschlecht treu, doch ihre glatte, glänzende Oberfläche hebt sich deutlich von früheren Werken ab – ein stilles Ringen zwischen Tradition und Wandel.
Audioguide #18
104 Ohne Titel (O Satori / Die Erleuchtung), 1955
Tinte und Grafit auf Papier
Private collection, Fortaleza, Brazil
Die Zeichnung O Satori / Die Erleuchtung ist eine Studie der Skulptur Rito dos Ritmos (1959), die Oscar Niemeyer für den Alvorada-Palast in Brasília in Auftrag gibt. Der Titel O Satori stammt aus dem japanischen Buddhismus und bezeichnet einen Moment plötzlicher Erleuchtung – ein Konzept, mit dem sich Martins während ihrer Aufenthalte in Japan intensiv beschäftigt hat. Sowohl die Zeichnung als auch die Skulptur verbinden das Innere und Äußere durch abstrakte, organische Formen, die sich nach außen strecken und zugleich in der Vertikalen verdichten. Sie entstehen in Martins’ letzten Jahren als Bildhauerin. Bis zu ihrem Tod 1973 bleibt Martins in ihren Funktionen als Kulturattachée und Schriftstellerin eine prägende Figur der Kunstwelt. Sei der documenta 13 2012 erfährt ihr Werk auch in Europa zunehmend Anerkennung, etwa auf der 60. Venedig-Biennale 2024.