Ausstellung

Anonyme Künstler (0): Grabtragung der hl. Ursula, 1440, Augustinermuseum Freiburg

Grabtragung der hl. Ursula

An der Legende der heiligen Ursula ist weniger ihre um den Preis des Lebens bewahrte Keuschheit spektakulär als vielmehr die Zahl der laut Überlieferung mit ihr ins Martyrium Gegangenen: 11.000 Jungfrauen sollen es gewesen sein. Die in Köln lokalisierte Ursulalegende, seit dem 5. Jahrhundert dokumentiert und immer weiter ausgeschmückt, erfuhr einen starken Auftrieb, nachdem im Jahr 1106 vor Köln ein Gräberfeld entdeckt worden war. Die Gebeine unzähliger Tote wurden für die Überreste jener Elftausend gehalten. Zu den zahlreichen Darstellungen des Martyriums der heiligen Ursula in der Kunst des Mittelalters zählt auch diese Tafel, die möglicherweise einem Kloster in Colmar gehörte.

Der Legende nach war Ursula mit 11.000 Begleiterinnen auf einer Pilgerfahrt in Rom. Auf der Rückreise gerieten sie in Köln, wohin sie von Basel aus mit Schiffen rheinabwärts fuhren, in eine Belagerung der Hunnen: „Als diese die Mägde ersahen, fielen sie mit großem Geschrei auf sie und wüteten als die Wölfe unter den Schafen, und töteten sie allesamt.“ 

Als der Hunnenfürst aber Ursula in ihrer Schönheit erblickte, wollte er sie zur Frau. Doch da diese das Ansinnen ablehnte, „…legte er einen Pfeil auf sie an, und durchschoß sie“. Was auch immer der historische Kern der Legende sein mag, die Zahl 11.000 beruht auf einem Lesefehler des 10. Jahrhunderts, der die ursprünglich genannte Zahl von elf Gefährtinnen vertausendfachte.

Der historischen Überlieferung entsprechend verortet der Maler der Tafel das Geschehen in Köln, wie die beiderseits des Torbogens angebrachten Wappen besagen. Vor der Stadt hatte sich das Gemetzel abgespielt. Der Leichnam Ursulas wird von Priestern in die Stadt überführt. 

Im Mittelpunkt des Gemäldes strahlt golden der große Nimbus um das gekrönte Haupt der Heiligen. Tief in der Kehle steckt der Pfeil, der sie getötet hat, das Blut rinnt aus der Wunde und verbindet sich mit der Farbe ihres glutroten Umhangs. Zwei Priester mit Tonsur, weißem Rock und Pelzüberwurf mit Hermelinschwänzen tragen den leblosen Körper, zwei weitere und drei Messdiener schreiten voran. Aus einem Fenster links oben blickt ein trauriger junger Mann. Seine Erscheinung hat keinen Bezug zur Geschichte, aber seine Kopfhaltung lenkt den Blick auf die Heilige im Mittelpunkt.