Ausstellung

Anonyme Künstler (0): Christus auf dem Esel, 1350, Augustinermuseum Freiburg

Christus auf dem Esel

Diese Skulptur, die Jesus auf einem Esel sitzend zeigt, ist ein sogenannter Palmesel. Solche Skulpturen wurden in Süddeutschland seit dem 10. Jahrhundert am Palmsonntag bei festlichen Umzügen durch die Städte gezogen. Mit den Prozessionen gedachte man des Einzugs Jesu in Jerusalem. Das Ereignis markiert den Beginn der Passionswoche, den Höhepunkt des christlichen Jahres. Die Symbolik des Esels geht auf die Schilderung in der Bibel zurück. Auf dem Weg nach Jerusalem forderte Jesus seine Jünger auf, ihm aus einem nahegelegenen Dorf eine Eselin und ihr Fohlen zu holen, auf dem er nach Jerusalem reiten wollte. Damit sollte sich das Wort des Propheten Sacharja erfüllen: „Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin.“

In Jerusalem wurde sein Einzug von einer Hosianna rufenden Menge begleitet, die Menschen breiteten ihre Kleider auf dem Weg Jesu aus und schnitten Zweige von den Palmen, mit denen sie den Weg bedeckten.

Dieser Überlieferung nach wurde die Jesusfigur auf dem Palmesel manchmal als einziehender König gezeigt, doch dem Jesus dieser Skulptur fehlt jeder triumphale Aspekt. Zwar sitzt er hoch aufgerichtet auf dem Reittier, aber ihm ist das Wissen um sein bevorstehendes schmerzvolles Geschick in der demütigen Miene eingeschrieben. Jesus ist hier nicht als selbstbewusster Erlöser, sondern als leidender Mensch gezeigt. Wie bei keinem anderen Objekttypus der christlichen Kunst verbinden sich im Palmesel Kunstwerk, religiöses Ritual und volkstümlicher Brauch. Mithilfe des Palmesels wurde auf den Prozessionen der Einzug Jesu in Jerusalem sinnlich dargestellt und das Heilsgeschehen anschaulich vergegenwärtigt. Um die Lebensnähe zu verstärken, waren Jesusfigur und Esel oft lebensgroß und mit natürlicher Farbgebung versehen. Flexible Körperteile verstärkten den Effekt der Verlebendigung – so ließen sich die heute fehlenden Unterschenkel der Jesusfigur hin- und herbewegen und imitierten die Fußbewegung beim Reiten.

Die Skulptur stammt ursprünglich aus Rotweil im Kaiserstuhl. Sie wurde zwischen 1350 und 1360 angefertigt. Heute ist sie vielfach beschädigt, teils durch Schädlingsbefall, teils durch die Handhabung bei den Prozessionen. Aber die Beschädigungen und Verluste beeinträchtigen die Wirkung der Figur keineswegs, im Gegenteil: die Fragmentierung steigert die Intensität der Gruppe. Die armlose Jesusfigur wirkt wehrlos und ausgeliefert, der fragmentierte Esel zeigt die geschundene Kreatur.