Ausstellung

Hans Baldung Grien (1484-1485): Schmerzensmann, von Maria und Engeln beweint, 1513, Augustinermuseum Freiburg

Schmerzensmann, von Maria und Engeln beweint

In der Lebensspanne Hans Baldung Griens, der von etwa 1484 bis 1545 lebte, vollzog sich der Übergang vom Mittelalter zur frühen Neuzeit, von der Spätgotik zur Renaissance. Als prägende Figur der oberrheinischen Malerei seiner Zeit wirkte der Künstler überwiegend in Straßburg, war aber auch in Freiburg tätig. Baldungs wirklichkeitsnahe Gestaltung erfasst menschliche Charaktere, auch in ihren dunklen Seiten, und drückt leidenschaftliche Emotionen aus. Dabei entwickelte er selbst bei traditionellen Themen kühne Bildfindungen, effektsteigernde Verzerrungen und eine expressive Farbigkeit wie in seinem Gemälde Schmerzensmann, von Maria und Engeln beweint. Hier verbindet Hans Baldung Grien mehrere Themen der christlichen Bildwelt des Mittelalters zu einer ungewöhnlichen Darstellung: Es sind der Schmerzensmann, das Ecce-Homo-Motiv, die Marienklage des Vesperbildes und die fürbittende Maria, die als Mittlerin für die Menschheit bei ihrem Sohn eintritt.

Zugleich hat das Andachtsbild, welches 1513 während Baldungs Arbeit am Hochaltar des Freiburger Münsters entstand, durch seine Situierung in einer von zahllosen Putten bevölkerten, wolkendurchzogenen Himmelslandschaft surreale Züge. Maria, die Hände mit verschränkten Fingern zum klagenden Gebet erhoben, hat ihr Gesicht dem toten Christus zugewandt, ohne ihn jedoch anzusehen. Der Mund ist halb geöffnet, die Augen sind drastisch rot geweint. Ihr Kopftuch liegt in unruhigen Falten, auch der untere Teil ihres Gewandes verliert sich in faltigem Durcheinander. Diese Maria hat nichts von der strahlenden Würde der Gottesmutter, wie sie Baldung in seinen Madonnendarstellungen malte, von denen sie auch eine in diesem Raum sehen, sondern ist aufgelöst in Schmerz und Trauer. Die leblose Christusfigur strahlt Leid und zugleich auch Würde aus. Sie präsentiert den Gekreuzigten, aber noch nicht Auferstandenen. Sie ist umringt von sieben Putten, die den Gekreuzigten ausdrucksstark betrauern. Die zwei geflügelten Engelskinder beiderseits seines Kopfes wischen sich die Tränen aus den Augen, zwei andere klammern sich mit Schmerz und Verzweiflung an seinen rechten Arm, drei weitere trauern zu seinen Füßen. 

Die Puttenszenerie erhält besonderes Gewicht durch die prominente Platzierung des größten Putto in der Bildmitte zwischen Mariä und Jesu Köpfen. Die Kindergestalt mit gespreizten Flügeln steht auf einer Wolke und rauft sich mit beiden Händen die Haare und schaut, den Körper nach links geneigt, zu Maria. In vielen Bildkompositionen sowohl für Holzschnitte als auch für Gemälde hat Baldung Putten eine wesentliche Rolle zugewiesen. Das Gewimmel der etwa drei Dutzend weiteren Putten im oberen Drittel des Gemäldes steht in keiner Beziehung zu der Erscheinung in der rechten oberen Ecke. Dort ist in zaghaften grauen Zügen Gottvater als kleine Dreiviertelgestalt platziert – ein alter Mann mit langem Bart, die Weltkugel in der linken Hand. Mit der Rechten, halb erhoben, halb ausgestreckt, hat er gerade den Heiligen Geist in Gestalt einer Taube ausgesandt. Dieser schwebt unter den Wolken, über dem Kopf Christi. Diese Ausweitung der Szene fügt der Darstellung eine weitere inhaltliche Dimension hinzu, aber die skizzenhafte Beifügung fällt von der dramatischen Intensität der beiden Hauptfiguren ab.