Ausstellung

Henri Matisse (1869-1954): Selbstbildnis (Das Matrosenhemd), 1906, Statens Museum for Kunst, Kopenhagen, Schenkung Johannes Rump, 1928, © Succession Henri Matisse / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Selbstbildnis (Das Matrosenhemd)

Matisse hat sich zeitlebens in zahlreichen Selbstportraits immer wieder selbst befragt. Die meisten der Arbeiten entstanden als Zeichnungen oder in der Graphik. Eines der wenigen Selbstportraits in Öl malte er im Jahr 1906 – es wurde das vehementeste Selbstbildnis, das er je schaffen sollte. Niemals wieder sollte er so bezwingend die magischen Impulse afrikanischer Masken umsetzen.

Für zahlreiche Künstler des frühen 20. Jahrhunderts wurde die Entdeckung vermeintlich primitivistischer Kunstäußerungen zu einem einschneidenden Erlebnis, schien doch deren direkter und akademisch unverbildeter Zugriff eine Möglichkeit zu sein, die Geheimnisse der menschlichen Existenz auf ganz neue Weise auszuloten. Matisse wurde durch die afrikanische Skulptur zu einer radikal vereinfachten Auffassung der Figur angeregt. Diese Vereinfachung führte zu einer Aufladung mit überzeitlicher Bedeutung, die auch seinen Portraits eine neue, magische Intensität verlieh.

Das Selbstportrait mutet informell und gleichzeitig monumental an und wirkt wie unmittelbar auf die Leinwand gebracht. Matisse hatte es jedoch durch Studien vorbereitetet. Die mit einer dunklen Umrisslinie geschlossene Büste des Künstlers ist vor einen abstrakten, mit grünen und blauen Farbbereichen akzentuierten Hintergrund gesetzt. Das kantige, mit grünen Flecken schattierte Gesicht wirkt, als sei es mit heftigen Schlägen aus einem Holzblock herausgehauen, und die den Betrachter fixierenden Augen sind von großer Eindringlichkeit. So vermittelt Matisse trotz der einfachen, legeren Kleidung eines Fischers die überlegene Souveränität eines an der Spitze der Avantgarde stehenden Künstlers.

Dieses Selbstbildnis bedeutet einen radikalen Bruch mit den um 1900 entstandenen Selbstportraits, die Matisse meist als perfekt gekleideten Herrn bei der Arbeit oder in reflexiver Pose zeigen. Nun wird der Künstler allein durch den Blick sowie den kraftvollen malerischen Gestus als Visionär vorgestellt, der die Oberflächlichkeit der Erscheinungen durchdringt.