Ausstellung

Henri Matisse (1869-1954): Mademoiselle H.D., Frau mit Schleier, 1927, The Museum of Modern Art, New York, The William S. Paley Collection, © Succession Henri Matisse / © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Mademoiselle H.D., Frau mit Schleier

Dieses Bildnis von Henriette Darricarrère fertigte Matisse 1927 an, zum Abschluss seiner sechsjährigen Zusammenarbeit mit dem Modell. Henriette sitzt nach vorn gebeugt, das Kinn auf eine Hand gestützt, dem Betrachter ernst gegenüber. Ihr Gesicht ist leicht verzerrt und verdunkelt durch einen Schleier, der das Licht zu brechen scheint. Es dominiert eine melancholische Grundstimmung, während die Balance der satten Farbflächen zu einer ausgewogenen und harmonischen Bildwirkung führt. Bei der letzten Sitzung drehte Matisse den Pinsel um und kratzte mit dem Stiel feine weiße Linien in die Farbe und markierte so Augen, Mund, Unterarm sowie Körperumrisse und Faltenwurf. 

Matisse war der 1901 geborenen Balletttänzerin zum ersten Mal im September 1920 begegnet, als sie als Komparsin in den 1919 gegründeten Filmstudios de la Victorine in Nizza arbeitete. Sie stand ihm ab und zu Modell und folgte Antoinette Arnoud im Frühjahr 1921 in der Rolle des Lieblingsmodells des Malers. 

Für Matisse verkörperte sie den Typus der Odaliske, wie die Haremsdienerinnen genannt wurden. Sie wurde die Idealbesetzung für seine berühmten Odaliskenbilder, orientalisch anmutende Interieurs, in denen Matisse die Ornamentik der Ausstattung und der Gewänder zum Anlass für einen dekorativen Gesamteindruck des Bildes nahm, in dem jedes Bildelement gleichwertig erscheinen sollte. 

Sie interessierte Matisse aber auch als eigenständige Persönlichkeit, so fertigte er unter anderem drei Zeichnungen von der leidenschaftlich Geige Spielenden an, von denen wir eine im zweiten Teil der Ausstellung im Obergeschoss zeigen. Darüber hinaus malte sie auch selbst. Darricarrére blieb dem Maler und seiner Familie freundschaftlich verbunden. Ihre Tochter aus erster Ehe stand Matisse später ebenfalls Modell.