Ausstellung

Marc Chagall (1887-1985): On dit. Der Rabiner, 1912, Privatsammlung, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

On dit. Der Rabiner

In einer für ihn ungewöhnlichen Monumentalität stellt Chagall einen Rabbiner dar, der von seiner Lektüre auf- und den Betrachter unvermittelt anblickt. Die schmale, aufrechte Gestalt, die von Denkfalten gefurchte Stirn mit den Schläfenlocken und der lange, spitz zulaufende Bart verleihen der Figur Würde und konzentrierte Intensität. Die linke Hand, die auf dem Tisch liegt, hält eine kleine Schnupftabakdose, die rechte eine daraus entnommene Prise. Der Ellenbogen ist aufgestützt, die Finger verharren in einem demonstrativen Gestus.

Das 1912 in Paris entstandene Gemälde arbeitet mit der Wirkung der großen in Gelb, Grün und Schwarz gehaltenen Flächen. Das unheimliche Kolorit verstärkt die magische Faszination der Figur, zu der auch die Symbole des Hintergrunds, darunter ein Davidstern, und das Buch mit den hebräischen Zeichen gehören. Die meisten Lettern sind ohne erkennbare Bedeutung zusammengefügt, auf der linken, dem Betrachter zugewandeten Seite, sind auf Jiddisch die Worte „ich will“ und „das haben“ sowie die jiddische Signatur des Künstlers, Segal Moische, zu entziffern. Die beiden Buchstaben im Davidstern stehen für das hebräische Wort für sterben.Der Rabbiner gehörte zu den 40 Ölgemälden, die der Galerist Herwarth Walden im Sommer 1914 in der ersten Einzelausstellung Chagalls in seiner Berliner Galerie „Der Sturm“ zeigte. Dort wurde es im Katalog mit dem Titel On dit, französisch für „man sagt“ oder „es heißt“ aufgeführt. Die Bezeichnung bezieht sich vermutlich auf eine Erzählung des jiddischen Autors Jizchok Lejb Perez, die vom Rabbi von Chelm handelt, den der Satan in Versuchung führte. 

Von dem Gemälde fertigte Chagall in Paris zwischen 1923 und 1926 eine zweite Version an, die in der Farbgebung und manchen Details von der ersten Fassung abweicht. Dieses zweite Gemälde, das 1928 von der Mannheimer Kunsthalle erworben worden war, wurde nach 1933 von den Nationalsozialisten aufs Übelste diffamiert, 1937 in der NS-Propagandaschau Entartete Kunst gezeigt und im Juni 1939 von der Galerie Fischer in Luzern versteigert, wo sie das Kunstmuseum Basel erwarb.