Ausstellung

Marc Chagall (1887-1985): Über Witebsk, Israel Museum, Jerusalem, © VG Bild-Kunst, Bonn 2016

Über Witebsk

Mit seinem über der Stadt schwebenden Mann hat Chagall ein Motiv ins Bild gebracht, das in vielerlei Hinsicht als zentrale Metapher der jüdischen Existenz in der Moderne gelten kann: die „Luftmenschen“, die mittellosen Bewohner der Schtetl Osteuropas, die von Gelegenheitsarbeiten mehr schlecht als recht lebten, in ihrer Region nicht verwurzelt und beständig von Verfolgung und Vertreibung bedroht waren. Der Begriff „Luftmensch“ geht auf die zeitgenössische jiddische Literatur zurück, auf Mendele Moicher Sforim und Scholem Alejchem, und diente zunächst der ironischen Selbstbeschreibung, wurde aber im 20. Jahrhundert zum antisemitischen Stereotyp der Wurzellosigkeit gewandelt. Chagalls Luftmensch hält einen Wanderstab in der rechten Hand, auf dem Rücken drückt ihn ein großer Sack mit seiner ganzen Habe, ein Sinnbild für die historische Wanderschaft des jüdischen Volkes. Das Motiv spielt auf Redewendungen an wie „jeder trägt sein Päckchen“ oder „man geht über die Häuser“ – im Jiddischen ein Ausdruck für das Hausieren. In seiner Schwerelosigkeit wie in seiner Dimension schiebt sich der Schwebende als surreales Moment über die realistische Straßenszene von Witebsk. Chagall hat den Blick aus dem Fenster des Hauses gemalt, in dem er nach seiner Rückkehr aus Paris 1914 ein Zimmer gemietet hatte. Rechts im Bild zeigt er die markante Ilja-Kirche mit dem grünen Lattenzaun zwischen gemauerten Sockeln. Das Motiv des schwebenden Wanderers setzte Chagall mehrfach in Variationen um. Dabei identifizierte er sich oft selbst mit dem heimatlosen Wanderer. Schon im Epilog seiner autobiographischen Aufzeichnungen schrieb er: „Hängen wir denn nicht tatsächlich in der Luft, leiden wir nicht an einer einzigen Krankheit: der Sucht nach Stabilität?“