Ausstellung

Gerhard Richter (1932): Onkel Rudi, 1965, Lidice Gallery, Lidice

Onkel Rudi

Das Gemälde Onkel Rudi geht auf ein Familienphoto zurück. Dargestellt ist der von Gerhard Richter sehr geschätzte Onkel Rudolf Schönfelder. Er fiel im Krieg, als Richter zwölf Jahre alt war. Richter beschrieb seinen Onkel so: "Das war der Bruder meiner Mutter, der Liebling der Familie. Von dem wurde viel gesprochen, und der wurde mir als Held präsentiert. Das war eben ein Charmeur, ein musischer, eleganter, mutiger und schöner Mann."

Richter hielt parallel zum Auschwitz-Prozess mit dem Bild seines Onkels die Erinnerung gegen den Wunsch nach Vergessen aufrecht. Er zeigt darin jene Widersprüche, die seine Generation gegenüber ihrer Elterngeneration zu verarbeiten hatte: das gewinnende Lächeln des Mannes kollidiert mit der Wehrmachts-Uniform, die persönliche Liebe gegenüber dem Onkel überlagert die politische Abscheu gegenüber dem System, dem er diente. Als widersprüchliches Bild vermag es Erinnerungsarbeit zu leisten und hält im Bewusstsein, was die deutsche Bevölkerung in den Zeiten der Erholung und des Wirtschaftswunders gerne vergessen wollte: dass man unter die Verbrechen der Nationalsozialisten keinen Schlussstrich ziehen  darf und kann.

Das Bild Onkel Rudi wurde im Jahr 1967 auf einer Berliner Ausstellung gezeigt, die an ein Massaker erinnerte, dass die Nationalsozialisten 1942 im tschechischen Ort Lidice durchgeführt hatten. An der Hommage à Lidice beteiligten sich neben Richter unter anderen Joseph Beuys, Konrad Lueg, Blinki Palermo, Sigmar Polke, Günther Uecker, Dieter Roth und Wolf Vostell. Im Folgejahr wurden die Werke in der Prager Spála-Galerie ausgestellt, bevor sie der Stadt Lidice als Geschenk übergeben wurden. Die Kunstwerke waren dann – nach der militärischen Intervention der Ostblockstaaten im Jahr 1968 -  für mehr als zwei Jahrzehnte verschollen. Heute ist Onkel Rudi jedoch wieder Teil der Sammlung in der Gedenkstätte von Lidice.